Esra Inceöz

Esra Inceöz studierte Journalismus und PR | B.A. mit der Spezialisierung TV-Journalismus. Heute ist sie erfolgreiche Influencerin und gehört zu den bekanntesten Social-Media Gesichtern Deutschlands.

Interview von Melisa Gelen

187.000 Follower auf Instagram, 315.000 Tausend Abonnenten auf Youtube, 136 Millionen Aufrufe auf ein Video. Da ist offensichtlich jemand im Geschäft! Esra Inceöz ist 30 Jahre alt, hat türkische Wurzeln und lebt gerade ihren Traumberuf. Erst vor zwei Jahren hat sie ihren Bachelor-Abschluss mit der Spezialisierung Online Journalismus an der DEKRA | Hochschule für Medien gemacht. Was eher privat mit ein paar Entertainment-Videos auf Instagram anfing, entwickelte sich durch die enorme mediale Aufmerksamkeit zur Jobchance. Zudem ist sie aktuell auch als Musikerin bekannt. Wie sie all das geschafft hat, erzählt Esra im persönlichen Gespräch. 

Wie kam es dazu, dass du dich für die Studienrichtung Journalismus entschieden hast? 

Ich habe vorher beim Rechtsanwalt als Rechtsanwaltsfachangestellte gearbeitet und dort die Ausbildung auch zu Ende gemacht. Dann hat mein Chef aber gesehen, dass ich voll kreativ bin und meinte zu mir, ich soll doch bitte etwas Kreatives machen. Er hat mir empfohlen Studiengänge anzugucken, die mich ansprechen würden. Und Journalismus hat mich schon immer irgendwie interessiert. Auch, wenn ich jetzt nicht im Journalismus arbeite, bin ich gefühlt eine Art Online-Journalistin. Also ich würde sogar behaupten, die neuen Influencer sind auch ein bisschen die Online-Journalisten von morgen. (lacht) 

Was waren deine Ziele mit diesem Studium? 

Eigentlich wollte ich gerne für ein Frauenmagazin schreiben. Das hat sich aber direkt nach dem Studium in eine ganz andere Richtung entwickelt. Ich hatte ja schon angefangen Fotos und Videos auf Instagram zu teilen und dann wuchs auch ganz schnell meine Community. 

Kann man „Influencerin sein“ als Job bezeichnen? 

Definitiv ja! Auch wenn es jetzt kein Job ist, der sicher ist. Momentan ist meine Jobbezeichnung „Influencerin“. Ich bin selbstständig, habe ein Gewerbe angemeldet und das Ganze läuft über mich als rechtliche Person. Ich habe sozusagen meine eigene Firma und bin hauptberuflich Influencerin. 

Du bist mittlerweile sehr erfolgreich im Bereich Beauty und Lifestyle. Hast du dich bewusst für den Beruf entschieden? 

Ich habe eigentlich schon viel früher mit Social Media zu tun gehabt. Ich habe Blogs geschrieben, bevor es eigentlich Blogs gab. Das war zum Beispiel auf der Social Media Plattform Myspace, bei der ich mich angemeldet und meine Musik geteilt habe. Dann hatte ich da noch so ein „Notizbuch“. Darin habe ich öffentlich mein Tagebuch geschrieben und hatte da schon ungefähr 3000 Leser pro Tag. Das Wort „Blog“ gab es noch nicht einmal und so hat sich das Ganze dann irgendwie entwickelt. Ich habe das gefühlt schon immer gemacht. 

Ab wann wurde das Ganze für dich profitabel? 

2017, als ich so meine 80.000, 90.000 Abonnenten hatte. Da geht es dann nämlich schon in die Richtung, dass profitable Kooperationsangebote von Unternehmen kommen. 

Wie war dein Weg bis zu dem Zeitpunkt heute? 

Ich habe in der Zeit viel an meinem Content geändert. Am Anfang habe ich ganz normale Sachen gezeigt und habe ehrlich gesagt auch nicht darüber nachgedacht, was ich poste. Das war mir so egal. Ich habe mich auch gefreut, wenn ich Sachen umsonst zugeschickt und geschenkt bekommen habe, um sie in die Kamera zu halten. Ich war mir zu Beginn auch nicht darüber bewusst, wie ich die Leute damit beeinflussen kann, beziehungsweise wie Leute auf mich „hören“ und sich das auch zulegen. Irgendwann habe ich aber eine Verantwortung gegenüber meinen Followern, weil ich keine Werbung machen kann, die mich nicht selber überzeugt. Und somit habe ich auch verschiedenen Content gemacht. Vor allem ging es mit den „Couple Goals“- Posts über das Leben mit meinem Ex-Mann los. Dann wiederum habe ich das Ganze alleine gemacht, ich war wieder im Beauty und Lifestyle Bereich unterwegs. Anschließend habe ich auch noch Musik gemacht. Ich mache irgendwie alles mögliche. Das kommt auch, glaube ich, ganz gut an.

Könntest du deinen Tagesablauf und deine Aufgaben ein wenig umschreiben?

Meistens beginnt es morgens mit den ganzen Mails, die mich erreichen. Da kommen Kooperationsanfragen und Kampagnen rein. Ich mache das aber nicht selber. Ich werde von einer Agentur gemanaged, die mir die Kooperationen übermittelt und den E-Mail-Verkehr für mich übernimmt. Somit habe ich mehr Zeit, mich auf den Content zu konzentrieren. Wenn ich dann morgens aufstehe, ist schon meine „To-Do-Liste“ für heute oder für die nächsten Tage vorbereitet, die ich bei Whats App oder in den Mails abrufen kann. Da gibt es dann auch zu den Kampagnen und den ganzen Werbungen ein Briefing, was ich einhalten muss. Zum Beispiel steht da drin, dass ich bestimmte Stoffe in einem Produkt erwähnen soll. Das sind dann Richtlinien, an die ich mich halten muss. Manchmal wollen die Kunden auch vorher schon sehen, was ich poste. Dann muss ich shooten gehen und ihnen das Endresultat zur Abnahme schicken. Ich muss immer wieder aktiv bleiben. Das bedeutet, ich muss auch immer wieder Fotos machen und mir neue Klamotten besorgen, weil keiner ein Outfit drei- bis viermal im Feed sehen will. Im Urlaub kann man auch nicht wirklich abschalten, weil dann denkst du dir: „Okay an dieser Stelle könnte ich ein Video machen, an dieser Stelle könnte ich ein Foto machen.“ Dann vermischt sich das Private mit Geschäftlichem ganz schnell. 

Kannst du eigentlich auch Produkte ablehnen? 

Ich habe einmal eine Werbung gemacht, ohne darüber nachzudenken. Ich habe es einfach getan, egal ob die Leute das mögen oder nicht. Das war der größte Fehler, den ich machen konnte. Denn im Nachhinein habe ich gemerkt, dass meine Authentizität dadurch sehr stark abnehmen kann. So habe ich gelernt, dass ich wirklich nur noch für Sachen werbe, die mir zu 100 % zusprechen. Das heißt, ich lehne manchmal genauso viele Kooperationen ab, wie ich annehme, weil sie mich nicht ansprechen. Ich meine, ich kann ja keinen Augenbrauenstift bewerben, wenn ich meine Augenbrauen machen lasse. Ich kriege auch irgendwelche Wimpern-Produkte, wo ich mir denke: „Brauche ich nicht, ich lasse mir ja meine Wimpern machen.“ Es kommen noch ganz viele andere Sachen rein, mit denen ich mich nicht identifizieren kann. Und dann mache ich das auch nicht. 

Wie sehr magst du die Verschmelzung zwischen dem Beruflichen und dem Privatleben? 

Sehr, ich habe gerade meinen Traumjob! Ich habe bisher keinen Punkt erreicht, an dem ich sage: „Okay, jetzt höre ich auf, jetzt ist es privat und jetzt ist es wieder geschäftlich.“ Das verschmilzt immer, ob im Urlaub, im Alltag, immer. Meine Follower fordern ja auch Kontinuität. Sogar, wenn ich nur kurz zur Post gehe, poste ich das manchmal. Das ist mittlerweile so ein Hype geworden, dass die Leute fast alles von einem wissen wollen.

Was nervt dich eigentlich am meisten im beruflichen Alltag? Was würdest du sofort ändern, wenn du könntest?

(überlegt) Die Hater! Also ich komme jetzt ganz gut zurecht. Ich habe inzwischen so eine Art emotionale Schutzwand vor mir aufgebaut, an der alles abprallt. Aber nichtsdestotrotz sind schon manchmal Leute dabei, bei denen ich mir denke: „Woah krass!“ (lacht) 

Inwiefern konntest du Erfahrungen aus dem Studium mit in das Berufsleben nehmen? 

Ich hatte im Studium das Modul Marketing und das war ganz gut, weil ich das mittlerweile gut anwenden kann. Im Kern habe ich Online-Journalismus gemacht, habe Homepages und so programmiert. Das kann ich heute auch immer noch ganz gut, und kann es durchaus gut einbringen. Als ich meinen Blog damals gemacht habe, war das sehr hilfreich. 

Viele haben ein sehr schönes Bild über Influencer: Es schaut so aus, als würdet ihr immer Produkte zugeschickt kriegen und dazu noch Geld verdienen. Wie ist es wirklich? 

Wir müssen jeden Scheiß versteuern (lacht), ALLES! Auch, wenn du das umsonst zugeschickt bekommst und bezahlt wirst, musst du es versteuern. Du hast wirklich ganz viel Papierkram zu erledigen und musst halt am Ende schauen, was dir übrig bleibt, weil man schon viel abgibt. Und ich gebe ja auch nochmal 30% ab, weil ich eine Agentur habe. 

Vor welcher großen Herausforderung standest du bereits als Influencerin? 

Also ich würde es jetzt nicht als Herausforderung bezeichnen, sondern eher sagen, dass der Druck, täglich etwas zu produzieren und kreativ zu bleiben, sehr hoch ist. Denn selbst, wenn ich heute eine Blockade habe oder krank bin, denke ich trotzdem darüber nach, was ich morgen machen könnte, damit ich wieder Content habe.

Wie unterschiedlich ist das Feedback zu deinen ersten Videos ausgefallen, in denen du das türkische Ehepaar-Verhältnis auf den Kopf gestellt hast? 

Tatsächlich kam das ganz gut an, hätte ich jetzt nicht gedacht (lacht). Wobei ich auch sagen muss, dass ich richtig peinlich über diese ganzen Videos berührt bin, ganz peinlich berührt. Aber mit diesen Videos ist die Community gewachsen. Die Leute haben das echt gefeiert und verstanden, dass nicht nur Frauen kochen müssen

Wie würdest du deine persönliche Entwicklung beschreiben? 

Ich bin erwachsener und viel reifer geworden. Ich achte jetzt extrem darauf, was ich poste, wie ich es poste usw. Jetzt würde ich auch zum Beispiel nie wieder eine Beziehung öffentlich zeigen. 

Was sind aus deiner Sicht die wichtigsten Eigenschaften, um als Influencerin arbeiten zu können? 

musst es lieben, vor der Kamera zu sein und musst auch mit den Hate-Kommentaren klarkommen. Ganz wichtig! Wenn jemand ganz stark an sich selbst zweifelt und dann solche Sachen liest, wird es nicht besser.

Wie schwer ist es, sich als Influencerin auf dem Markt zu behaupten?

Mittlerweile ist es wirklich sehr schwer. Es gibt so viele Mädels, die das machen. Manche Kampagnen kommen rein und dann fragt man sich: „Okay, wird man jetzt genommen oder nicht? Werden jetzt andere genommen?“ Also es ist schon echt hart. 

Würdest du sagen, dass Influencing heutzutage ein verlässliches Berufsbild ist, um Geld zu verdienen? 

Nein verlässlich ist es auf jeden Fall nicht, definitiv nicht. Es kann halt jederzeit vorbei sein. Wenn Instagram beschließt, einfach zu verkaufen und es das Ganze nicht mehr gibt, dann stehen wir alle erst einmal da und haben keinen Job. 

Du hast mit deinem Mashup viel Aufmerksamkeit erzeugt und damit dein bisher größten Erfolg gehabt. Gibt es dir Selbstsicherheit oder ist es Antrieb für noch größere Projekte? 

Es ist auf jeden Fall etwas für noch größere Projekte. Ich kann natürlich jetzt nicht darauf aus sein, dass die nächsten Songs auch alle über Millionen Klicks haben müssen. Wird es nicht, weil ein Mashup ist nicht dasselbe wie ein normaler Song. Ein Mashup ist ein Zusammenschnitt von allen tollen Songs, die man hat, ein Cover. Deswegen habe ich keine Erwartungen, aber ich mache trotzdem weiter, weil es mir Spaß macht. 

Kannst du uns zum Abschluss noch allgemeine Tipps mit auf den Weg geben? 

Einfach immer du selbst sein, immer authentisch sein. Du darfst nicht irgendwas machen, wofür du selber nicht stehst. 

Esra, lieben Dank, dass du dir die Zeit genommen hast!