Harter Tobak: Journalismus Studierende besuchen Beauftragten für sexuellen Missbrauch

Prof. Dr. Michael Beuthner war Anfang November mit Journalismus-Studierenden zu Gast bei Johannes-Wilhelm Rörig, dem Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Zusammen mit der Pressesprecherin Friederike Beck diskutierten sie über ein ebenso komplexes wie schwieriges Themenfeld, das in seinen Ausmaßen erschreckend ist und Hilfeangebote und Präventionsmaßnamen ebenso zwingend erforderlich macht wie eine professionelle Information der Öffentlichkeit.

Laut aktueller Studien ist jeder siebte bis zehnte Bürger in Deutschland von sexueller Gewalt betroffen. Prof. Dr. Michael Beuthner war Anfang November mit Journalismus-Studierenden zu Gast bei Johannes-Wilhelm Rörig, dem Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Zusammen mit der Pressesprecherin Friederike Beck diskutierten sie über ein ebenso komplexes wie schwieriges Themenfeld.

Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig (Erster von links), und seine langjährige Pressesprecherin Friederike Beck (Zweite von links) im Gespräch

Die Dimensionen und aktuellen Zahlen sind erschreckend: Laut aktueller Studien ist jeder siebte bis zehnte Bürger in Deutschland von sexueller  Gewalt betroffen. Rein statistisch hätten wir  vermutlich alle – wissentlich oder unwissentlich – im Laufe unseres Lebens mit Betroffenen und vielleicht auch Täter und Täterinnen zu tun, so Friederike Beck, Pressesprecherin des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Laut Polizeilicher Kriminalstatistik (PKS) seien rund 12.000 strafrechtliche Verfahren alleine nur für Kindesmissbrauch jährlich und konstant bei den Strafverfolgungsbehörden anhängig.

Jüngst schockierten die Zahlen des sexuellen Kindesmissbrauchs innerhalb der katholischen Kirche: In der sogenannten MHG-Studie der Deutschen Bischofskonferenz wurden Akten seit 1946 eingesehen.  Die Bistümer mussten sich 3677 Missbrauchsfälle in den eigenen Reihen eingestehen, wohl wissend, dass dies nur die Zahl ist der Fälle, die überhaupt aktenkundig waren bzw. auch durch das Studiendesign erfasst wurden, denn die Akten der 27 Bistümer wurden unterschiedlich ausgewertet. Die strafrechtliche Verfolgung gestaltet sich schwierig, weil Staatsanwälte bisher keine Akteneinsicht in den Bistümern haben bzw. nur, wenn ein Fall zur Anzeige kommt. Viele Fälle sind außerdem bereits verjährt.

Der sogenannte  Missbrauchsfall in Staufen, bei dem die Mutter und ihr Lebensgefährte den damals 9-jährigen Sohn der Mutter jahrelang sexuell missbrauchten und über das  Internet an fremde Männer verkauften, sorgte in diesem Jahr ebenfalls für Entsetzen. Was viele nicht wissen, rund 10 bis 20 Prozent der Täter und Täterinnen sind weiblich. Vielfach sind Mütter Mitwissende, die ihren Kindern oft nicht geholfen haben. Ein “Versagen der Familiengerichte” und auch der teils überforderten Jugendämter, wie im Fall Staufen, sei hier ein zusätzliches Problem, so Beck. Seit 2016 gibt es eine Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, die Betroffene anhört und Empfehlungen an Politik und Einrichtungen ausspricht. Bisher haben sich über 1.500 Betroffene gemeldet. In der Mehrzahl der Fälle berichten die  Betroffenen von Missbrauch im familiären Kontext.

Große Dunkelziffer im Bereich der sexuellen Gewalt

Das Dunkelfeld im Bereich sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ist enorm, denn es kommen bei weitem nicht alle Fälle zur Anzeige. Besorgniserregend ist der Anstieg sexueller Gewalt durch die digitalen Medien, im Bereich der Missbrauchsabbildungen, sog. Kinderpornografie, und seiner Verbreitung im Darknet. Ein weiteres dunkles Kapitel sind auch die Machenschaften in den tausenden Kinderheimen der Nachkriegszeit, in denen bis in die 70er Jahre hinein Kinder körperliche, emotionale und sexuelle Gewalt erlitten haben.  

Das Jahr 2010 führte mit gleich drei öffentlich gewordenen Fällen von systematisch betriebenen Missbrauch an Kindern im Canisius-Kolleg, der Odenwaldschule und im Kloster Ettal das dramatische Ausmaß vor Augen und zwang die Bundesregierung zum Handeln. Am 24. März 2010 richtete sie den Runden Tisch „Sexueller Kindesmissbrauch“ ein und berief Bundesfamilienministerin a.D. Dr. Christine Bergmann ins Amt der ersten Unabhängigen Beauftragten zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs. Johannes-Wilhelm Rörig folgte ihr im Dezember 2011 als Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Berufen allerdings auf Zeit, zunächst bis 2014 und dann um fünf weitere Jahre bis März 2019. Wie das Amt danach weiter ausgestaltet werden soll, sei bis jetzt noch offen, es werde aber hierzu verhandelt und eine Verstetigung sei geplant, so Friederike Beck.

Anlaufstellen bieten schnelle und aktive Hilfe

Dabei scheint der Aufgaben- und Funktionsbereich wichtiger als je zuvor. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Rörig und sein Team kümmern sich auf vielen Ebenen um die Belange der von sexualisierter Gewalt betroffenen Kinder und Jugendlichen, aber auch Erwachsener, die in der Kindheit diese Gewalt erfahren haben. Es geht nicht nur darum, ihnen zu angemessenen Hilfen und Anerkennung ihres Leids zu verhelfen, sondern auch darum, aktive und schnelle Hilfe zu leisten, u. a. mit Anlaufstellen wie dem Hilfetelefon Sexueller Missbrauch und einem Hilfeportal mit Ansprechstellen vor Ort. Vor allem ist eine Präventionsarbeit notwendig. Diese beginnt bei der Aufklärung darüber, was sexueller Missbrauch eigentlich ist und setzt sich u.a. in präventiver Erziehung, in Schutzkonzepten für Kitas oder Schulen und bei mehr Schutz im  Internet fort. Darüber hinaus ist eine unabhängige Aufarbeitung der Fälle der Vergangenheit ebenso wichtig wie die Einbeziehung Betroffener in politische Prozesse. sowie die Auseinandersetzung mit Rechtsfragen oder Fragen der Entschädigung. Die Initiierung von wissenschaftlichen Untersuchungen im Kontext sexuellen Kindesmissbrauchs und die Information und Aufklärung der Öffentlichkeit runden das Aufgabengebiet ab.

Und spätestens bei der Gegenüberstellung dieser wichtigen wie dringend erforderlichen Aufgaben und Angebote und des zuvor skizzierten Ausmaßes an Missbrauchsfällen stellt sich eine ebenso naheliegende wie brisante Frage: Wie kann es sein, dass eine solche Einrichtung bei aller Dringlichkeit der Hilfsangebote und Präventionsmaßnahmen  bisher befristet war und die weitere Ausgestaltung noch nicht geklärt ist?

"Sich mit dem Thema direkt vor Ort und mit den verantwortlichen Profis auszutauschen hat gleich mehrere Lerneffekte für angehende Journalistinnen und Journalisten: Sie erleben selbst mit, wie wichtig gute Recherche und Genauigkeit allein schon im Umgang mit Begriffen ist. Sie lernen die Vielfältigkeit und Komplexität eines Themas kennen und blicken im Anschluss sensibler und damit auch professioneller darauf. Sie lernen zudem, wie schwierig die Öffentlichkeitsarbeit einer  Pressestelle in dem Themenfeld ist und wie entscheidend das Miteinander-Reden von Journalisten und Kommunikatoren aus solchen Bereichen ist, statt nur im Internet zu recherchieren", so Prof. Michel Beuthner, Studiengangsleiter im Studiengang Journalismus und PR. Bleibt zu hoffen, dass diese Umstände nicht als Indizien dafür interpretierbar sind, dass sexueller Kindesmissbrauch nicht nur ein gesellschaftlich zu sehr tabuisiertes, sondern zudem noch politisch ignoriertes Thema ist. 

Weitere Informationen sowie Hilfe- und Unterstützungsangebote:


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