DANKE! Journalismus – Über die Systemrelevanz guter Berichterstattung 

Professor Dr. Michael Beuthner, Studiengangsleiter im Studiengang Journalismus und PR, thematisiert in Vorträgen und Seminaren immer wieder die Rolle des Journalismus und der Pressefreiheit als tragende Säulen in demokratischen Gesellschaften. In seinem aktuellen Statement macht er einmal mehr deutlich, warum es Pressfreiheit und mutige Journalist/-innen mehr denn je braucht.

Professor Dr. Michael Beuthner macht in seinem aktuellen Statement einmal mehr deutlich, warum es Pressfreiheit und mutige Journalist/-innen mehr denn je braucht.

von Michael Beuthner 

Im Ausnahmezustand ist vieles anders und neu. Erkenntnisse zum Beispiel. Diese manifestieren sich u. a. in dem Adjektiv „systemrelevant“, das alt-bekannte Helden wie Ärzte, Krankenschwestern und Pflegerinnen und Pfleger neu betitelt, aber auch neue Helden wie Verkäuferinnen und Verkäufer an den Discounterkassen oder Postboten und Paket-Lieferanten aus dem Online-Shopping-Universum ausruft. Bei vielen dieser Alltags Heros beschämt uns die zusätzliche Erkenntnis, dass trotz ihrer (neu) attestierten Wichtigkeit viele von ihnen völlig unterbezahlte Jobs haben. Recherchieren Sie mal, mit wie wenig Geld ein Rettungssanitäter nach Hause gehen muss oder wie überbelastet das Personal auch vor Corona schon in der Pflegebranche war. Aber ich schweife ab! Eigentlich wollte ich – kurz nach dem Welttag der Pressefreiheit – zu dieser Heldenliste eine weitere Berufsbranche hinzufügen: Die Journalistinnen und Journalisten! 

Ich bin seit 20 Jahren in der Hochschulausbildung im Bereich praktischer Journalismus tätig, aber ich war schon vor der Corona-Krise selten so angewidert durch all die Versuche, den Berufsstand klein und schlecht zu reden. Zuletzt hatte ja Friedrich Merz vor Corona noch behauptet: „Die brauchen wir nicht mehr!“. Und all die „Wutbürger“ mit speziellen Parteivorlieben haben aus „Lügenpresse halt die Fresse“ längst „Lügenpresse auf die Fresse“ gemacht. Journalisten werden zum Teil massiv bei ihrer Arbeit behindert, bedroht und sogar attackiert. Für Redakteure der Sächsischen Zeitung wurde der Umgang mit AfD-Anhängern zunehmend von Aggressionen bestimmt. Hetzte und Drohungen im Internet nehmen enorm zu und sind für Journalisten längst zu realen Gefahren geworden. So real, dass bei einer Demonstration Anfang Mai in Berlin ein Team des ZDF-Formats „heute show“ von vermeintlichen Linksextremisten brutal mit Tritten und Stahlstangen attackiert wurde. Gewisse rechts- oder links(durch)drehende Demonstranten haben also ein gemeinsames Feindbild und treten das hohe Gut der Pressefreiheit mit Füßen.    

Und dann grätscht auch noch Youtuber Rezo mit seinem fast einstündigen Video „Die Zerstörung der Presse“ dazwischen! Er fällt zwar (völlig zurecht) über schäbige Boulevardtitel her und klagt deren Lügen und Fehler an. Dann präsentiert er Ergebnisse einer eigenen Inhaltsanalyse über die Berichterstattung über sich selbst und unterstellt auch Qualitätsblättern  jenseits des Boulevards Fehler und torpediert deren Glaubwürdigkeit. Am Ende schürt er vor allem eines: Misstrauen gegen die Medien insgesamt. Deshalb ist es in einer solchen Krisenlage egal, an wie vielen Stellen Rezo (mit seiner vor allem auf sich selbst bezogenen Abrechnung) Recht oder Unrecht haben mag, seine „Zerstörung“ kommt zur Unzeit!

Meinungsfreiheit braucht Pressefreiheit

Stattdessen sollten wir lieber anprangern, wie (europaweit) die nationalkonservativen Parteien,  den Journalismus an die Leine nehmen und kontrollieren, ihm seine Freiheit nehmen wollen und nur die zu Wort kommen zu lassen, die genehm  und linientreu sind. Ungarns Ministerpräsident Victor Orbán hat nun wegen der Corona-Pandemie unlängst den Notstand ausgerufen und per Dekret neue Gesetze auf den Weg gebracht, um die veröffentlichten Zahlen zur Pandemie zu kontrollieren., Was „Fake News“ sind, definiert die ungarische Medienbehörde, die ausschließlich mit Orbán-Getreuen besetzt ist. Christian Mihr, Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen, befürchtet zurecht, dass mit solchen Ermächtigungsgesetzen regierungskritische Medien in der Corona-Zeit endgültig mundtot gemacht werden sollen. Die Pandemie wird ausgenutzt, um eigene Machtinteressen zu stärken.  

Und von Donald Trump, der jenseits von Europa mit seinem „War on Media“ unliebsame Medien diskreditiert und beschimpft, war hier noch gar nicht die Rede. Von Jair Bolsonaro in Brasilen erst recht nicht, bei dem es mehr als komisch anmutet, dass sein zweiter Vorname „Messias“ ist. Und dass in China keine Meinungsfreiheit und kein Freedom of the Press existieren, ist ebenfalls bekannt. Diese Erkenntnis wird in der Corona-Krise allerdings als Backlash spürbar, weil wir in diesem Extremfall zu spüren bekommen, wie katastrophal es in Pandemiezeiten ist, wenn wir den Informationen aus China, Ungarn und Co nicht trauen können. UN-Generalsekretär Guterres spricht sogar von einer „zweiten Pandemie der Falschinformationen“.

Der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes, Frank Überall, hat deshalb am Tag der internationalen Pressefreiheit angeregt, endlich einen „Beauftragten für Pressefreiheit“ bei der Vereinten Nationen einzusetzen. Es mutet auch hier komisch an, dass es einen solch überfälligen Posten noch nicht gibt, denn es war die UN selbst, die auf Vorschlag der UNESCO am 20. Dezember 1993 den 3. Mai zum Welttag der Pressefreiheit erklärte.

DANKE guter Journalismus!

Umgekehrt gelangen wir in Pandemie-Zeiten hoffentlich zu einer weiteren Erkenntnis: Wie froh wir sein können unserem Journalismus vertrauen zu können! Wie froh wir sein können, das wir eine Meinungs- und Pressefreiheit haben, die es dem Journalismus erlaubt nicht nur zu informieren, sondern einzuordnen, zu erklären und wenn nötig auch kritisch zu hinterfragen. Wie viele von Ihnen gehören zu denjenigen TV-Zuschauern, die das täglich Corona-Spezial der ARD zum Quotenrenner machen? Wie viele von Ihnen sind dankbar für die tägliche Informationsgabe zur aktuellen Corona-Krisenpolitik? Wer von Ihnen ist froh, ein gutes Interview mit dem Charité-Virologen Drosten zu lesen oder im Radio zu hören? Und auch mit den Erkenntnissen nimmt es kein Ende: Wer von Ihnen ist zu jener gelangt, dass sich viel Falsches und Fragwürdiges in den sozialen Medien verbreitet, über all die überdrehten Selbstdarsteller, Extremisten und Verschwörungstheoretiker? Ich ignoriere an dieser Stelle keineswegs all die vielen guten Dinge, die hier auch passieren und initiiert werden. Ich will nur betonen, dass die Lügner sich überwiegend woanders tummeln und nicht in unseren Redaktionen.   

Zugegeben, so manche Berichterstattung zeigt mir zum Zu-Vielsten-Male in einer Live-Schalte den leeren Marktplatz in jedem Dorf der Republik, um die Ausmaße der politischen Maßnahmen zu demonstrieren. Ja, es gibt die schwarzen Schafe der Branche, die übertreiben und überziehen, die mit Emotionen spielen. Und ja, hier hat Rezo recht. Und zugegeben, auch ich dachte am Anfang, dass ein Datenjournalismus  a la „Live-Ticker zu den aktuellen Zahlen der Infizierten und Todesopfer“ zu viel sein könnte für zarte Seelen. Aber es scheint einigen Menschen zu helfen. Und jeder kann ja entscheiden, ob er sich stündlich die neusten Opferzahlen antut und sich dann darüber wundert, warum er nachts nicht in den Schlaf findet.

Aber wir können eines: Uns sicher sein! Wir können sicher sein, dass die überwiegende Zahl der Journalisten in dieser Krise verantwortungsvoll arbeiten, sich auf Professionsstandards, auf Angemessenheit, auf Faktencheck, auf gute Interviews, auf gute Darstelllungen der Sachverhalte, der Kontexte, der Hintergründe etc. besinnen. Sie recherchieren, beobachten, sammeln aus allen wichtigen Bereichen die Informationen, bereiten sie auf, machen sie verständlich, reduzieren sie auf ein wahrnehmbares Maß und stellen sie uns gut aufbereitet und so geprüft und so rasch wie möglich zur Verfügung. Damit schaffen sie ganz grundsätzlich eine Orientierungsfunktion für uns alle; eine Wissensbasis für uns alle; eine Basis für Entscheidungen für uns alle. 

Und wissen Sie, wie ich das – nicht nur in Covid-19-Zeiten – nenne: SYSTEM- und DEMOKRATIERELEVANT!
Und das gilt es nicht nur zu akzeptieren, sondern zu respektieren. 

Danke, guter Journalismus! 


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