Auf den Spuren des Journalismus

Ein Stadtspaziergang mit Thomas Grünert.

Wir beginnen unsere Führung durch das medienhistorische Berlin in der Breiten Straße vor der Stadtbibliothek, direkt hinter dem im Wiederaufbau befindlichen Stadtschloss. Dort treffen wir Thomas Grünert, der seine Erzählungen damit beginnt uns klar zu machen, dass es vor rund 200 Jahren innerhalb Berlins mal eine andere Stadt namens "Cölln" gab.

Als angehender Journalist beschäftigt man sich fast täglich mit der zunehmenden Beschleunigung in den Medien. Alles muss in unserer heutigen Gesellschaft schnell und schneller gehen. Passiert etwas um 12:23 Uhr in Australien, so will man es spätestens um 12:25 auf dem Bildschirm seines Smartphones lesen. Ein 24/7 Journalismus im Internet und Instant-Massaging-Dienste wie Snapchat machen uns zu Abhängigen eines Jetzt-Sofort-Anspruchs. Da ist es schon höchst erstaunlich zu erfahren, dass das Rad an der Stelle nicht neu erfunden wurde, oder genauer: Dass die Eile des Journalismus zu seinen Wurzeln gehört. Einen Einblick in die Geschichte des Journalismus gibt der profilierte Journalist und Medienmacher Thomas Grünert, heute seines Zeichens Chefredakteur von Vincentz Network im Redaktionsbüro Berlin. Zuvor hat Grünert bei diversen US-Medien gearbeitet, u. a. bei der Washington Post, bevor er dann in Deutschland u. a. bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, dem Verlag Gruner und Jahr und dem Berliner Verlag tätig war.

Wir beginnen unsere Führung durch das medienhistorische Berlin in der Breiten Straße vor der Stadtbibliothek, direkt hinter dem im Wiederaufbau befindlichen Stadtschloss. Dort treffen wir Thomas Grünert, der seine Erzählungen damit beginnt uns klar zu machen, dass es vor rund 200 Jahren innerhalb Berlins mal eine andere Stadt namens "Cölln" gab. Nein, ich habe mich nicht verschrieben. Im 17. Jahrhundert gab es mitten in Berlin dieses Cölln, das von den Kaufleuten errichtet wurde, die damals nach Berlin kamen. Es gab sogar eine Stadtmauer um diese Stadt in der Stadt, so Grünert. Von der Breiten Straße aus kann man noch die Ruinen  alter Kaufhäuser aus dem 19. Jahrhundert sehen. Laut Grünert war nämlich rund um den Spittelmarkt das ehemalige Zentrum Berlins. Dort tümmelten sich in großen Kaufhäusern die Menschen. "Da waren mehr Geschäfte als in der Friedrichstraße und dem Ku'damm zusammen", erzählt uns der Journalist, bevor er zum nächsten Thema übergeht. 

Grünert erläutert, dass es bereits im Jahr 1704 erste Tagesblätter gab, die verteilt wurden. Meist auf Französisch! Diese kamen u. a. aus der Julius Springer Verlagsbuchhandlung, welche hier in der Breiten Straße ihren Sitz hatte. Die "Vossische Zeitung" zählte zu den ersten Blättern, die aber erst ab 1824 täglich erschien. Sie war zwar ein liberales Blatt, gehorchte aber zu dieser Zeit dennoch der Zensur. Bürger sollten sich nicht um Politik kümmern. An 1740 gab es dann u. a. auch die königlich privilegierte "Berlinische Zeitung". Im selben Jahr wurde übrigens eine erste Erklärung der Pressefreiheit geschrieben. Im Jahr 1824, so Grünert, wurde dann die erste Zeitung an einem Kiosk verkauft. 1848, zur Zeit der Märzrevolution, wurde die Vossische Zeitung dann zum Sprachrohr des Bürgertums, das nicht mehr unpolitisch bleiben wollte. Berlin hatte damals rund 500.000 Einwohner, die Vossische eine Auflage von beachtlichen 24.000 Exemplaren. Bedingt war dies durch wesentliche technische Fortschritte wie die Erfindung der Schnellpresse (1802) und der Rotationstechnik (1845). Es gab bereits viele bedeutende Zeitungen zu der Zeit, zu denen auch die "Deutsche Allgemeine" zählte. Heinrich Heine war übrigens ab 1832 der Paris-Korrespondent dieser Zeitung. Später wuchs die Presselandschaft auf sagenhafte 100 Redaktionen an.   

Das Eingangsportal der Stadtbibliothek schmückt übrigens der sogenannte "A-Teppich" des Künstlers Fritz Kühn. In neun Reihen übereinander finden sich 117 geschmiedete Variationen des Buchstabens A. Fast genauso viele Zeitungsredaktionen haben später in Berlin existiert.

Nachdem wir alle unverletzt die Straße überquert haben, biegen wir in die Neumannsgasse ein und lassen die Zentrale des Bundesnachrichtendienstes links liegen. Er zeigt uns wo früher in der Brüderstraße die Petrikirche stand. Sie sei im Krieg nicht stark zerstört worden, aber Erich Honecker habe sie trotzdem sprengen lassen, weil er so zentral keine Kirche haben wollte. Nun soll an dieser Stelle eine neue Kirche für alle Religionen entstehen. Und genau in diesem Viertel haben einst auch Gotthold Ephraim Lessing, Moses Mendelssohn und Friedrich Nicolai gelebt. Es war ein intellektuelles Zentrum in dessen Straßen sich auch die ersten Verleger nieder ließen. "Hier wurde Deutsch als Kultursprache etabliert", sagt Grünert.

Am Ende der Straße machen wir wieder einen Stopp. Direkt vor uns liegt der Spreearm Kupfergraben, dahinter das Auswärtige Amt. Mit Blick auf die "Jungfernbrücke" erzählt uns Herr Grünert, wie diese zu ihrem Namen kam. Einst gab es in der Straße Friedrichsgracht das Hotel "Zum französischen Hof", in dem vor allem junge Frauen wohnten. Während man ihnen nachsagte als Prostituierte zu arbeiten, wurde es in der Stadtgeschichte ein wenig aufpoliert. Dort heißt es, die Jungfrauen haben "Handarbeit geleistet". Man sagte ihnen zugleich eine "spitze Zunge" nach. Wer den neuesten Klatsch erfahren wollte, ging zu den Jungfern, die angeblich jede böse Neuigkeit zu erzählen hatten. Wenn das nicht auch ein gefundenes Fressen für damalige Journalisten war.

Wir gehen über die Jungfernbrücke Richtung Gendarmenmarkt zum Hausvoigteiplatz. Die Sonne scheint und in der Mitte des Platzes steht ein schöner Brunnen. Wir versammeln uns in einem Halbkreis um unseren Fremdenführer, während wir die U-Bahn unter unseren Füßen spüren.

Herr Grünert erzählt uns, dass hier vor knapp 100 Jahren DAS Zentrum der Mode gewesen sei, nicht nur in Europa, sondern der ganzen Welt. Und von hier aus kann man in das alte Zeitungsviertel Berlins blicken. Ende des 19. Jahrhunderts gab es in Berlin nämlich auch immer mehr Zeitungen und Großverlage. 1891 gründete sich die Berliner Illustrierte Zeitung. Diese war  die erste, die Bilder abgedruckt hat. Aber nicht so, wie wir es heute kennen. Damals wurden neben dem Journalisten Maler zu einer Veranstaltung geschickt, die dann das Geschehen festhielten. "So wie man das heute noch bei Gerichtsprozessen macht", erklärt Herr Grünert. Mit dem Abdruck von Fotos sei es damals schwierig gewesen, da man noch das Verfahren des Bleisatzdrucks angewendet hat.

In dieser Zeit ließen sich auch viele Verlage, Zeitungen und auch Filmfirmen rund um das heutige Axel Springer Haus in der Kochstraße nieder. "Da tanzte hier in Berlin pressetechnisch gesehen der Bär", sagt Grünert scherzhaft. Das während der Kaiserzeit rasch wachsende Zeitungsviertel war später in der Weimarer Republik das größte Pressequartier der Welt. Knapp 100 Redaktionen mit dazugehörigen Druckereien und grafischen Betrieben arbeiteten im Umfeld der drei Großverlage von Leopold Ullstein, August Scherl und Rudolf Mosse. Die Flaggschiffe des Ullstein Verlages waren u. a. die Berliner Zeitung (ab 1878), und die Berliner Morgenpost (ab 1898), die bereits damals 160.000 Abonnenten hatte. Die Vossische Zeitung, die 1934 enteignet und eingestellt wurde, hatte berühmte Korrespondenten wie Kurt Tucholsky, Erich Maria Remarque, Theodor Fontane und Ephraim Lessing. Nach dem Krieg übernahm der Springer Verlag die Zeitung. Der Mosse Verlag brachte u. a. das Berliner Tageblatt heraus, dessen Chef ab 1906 Theodor Wolf war, und z. B. den "Kladderadatsch", in dem sich erstmals Annoncen, also verkaufte Kleinanzeigen, fanden.  Neben anspruchsvollen Publikationen entwickelten sich auch die ersten Boulevardzeitungen wie die "BZ am Mittag" (Ullstein).  Und die Nähe zum damaligen Modezentrum in Berlin macht auf ein Mal Sinn.

Im Jahr 1904 wurde dann mit der BZ am Mittag die erste Straßenzeitung Deutschlands verkauft. Diese und andere Zeitungen entwickelten sich schnell weiter. Bald gab es sogar von vielen Zeitungen mehrere Ausgaben an einem Tag. Mit Dampfzügen wurden die Zeitungen innerhalb von knapp 90 Minuten nach Hamburg gebracht und dort - drei Mal am Tag - auf den Straßen verkauft. Mein Dozent ist baff. Ich bin es auch. Per Bahn wurden damals die wichtigen Nachrichten von den Korrespondenten aus nach Berlin gebracht. Innerhalb einer Stunde war die Sonderausgabe draußen und wurde verkauft. Die Journalisten standen um die weltgrößten Telegraphenbüros herum, die in Berlin ihre Zentralen hatten, und warteten auf die neuen Nachrichten, um sie umgehend zu veröffentlichen.

Womit wir wieder am Anfang wären: Da soll noch mal einer sagen, wir würden in einer beschleunigten Zeit leben, in der jeder sofort auf dem neusten Stand sein will. Früher war es nicht anders. Denn die Devise: Wissen ist Macht, wurde durch die Medien um den Aspekt der Beschleunigung erweitert: Wer zuerst wusste, war mächtiger. Journalismus damals wie heute konkurriert vor allem um eines: Schnelligkeit. Es gab aber einen Moment, in dem die Pressewelt in Berlin sprichwörtlich still stand: 1945 schufen die Siegermächte durch das Verbot der bestehenden Zeitungen und ihre Lizenzpolitik die Grundlage für den vollständigen Neuaufbau des Pressewesens. In Berlin gab es 18 Tage lang keine Zeitung!

Und so nehmen wir neben allen wundervollen Detailinformationen vor allem eine Einsicht mit nach Hause: Wir studieren Journalismus in der Stadt, die einst die Wiege des Journalismus war.

Danke Thomas Grünert.

von Prof. Dr. Michael Beuthner und Maja Lietzau (Jour14)


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