Rückblick: Dystopien in Serie

Am 12.04.2019 fand an der DEKRA | Hochschule für Medien die Fachtagung "Dystopien in Serie" in Kooperation mit dem Institut für Medien- und Kommunikation der Universität Hamburg statt. Die Initiatoren, Prof. Dr. Marcus Stiglegger der DEKRA | Hochschule für Medien und PD Dr. habil. Thomas Klein der Universität Hamburg begrüßten mehr als 60 Gäste zur Veranstaltung.

Die DEKRA | Hochschule für Medien ist Ausrichter einer Fachtagung zum Thema Dystopien in Serie. Die Veranstaltung findet in Kooperation des Instituts für Medien- und Kommunikation der Universität Hamburg statt.

Insgesamt fanden sechs Panels mit Vorträgen, Gesprächen und einer Podiumsdiskussion statt. Neben Vortragenden aus Berlin und Hamburg waren auch Gäste aus Siegen und Zürich anwesend. Zusammen wurde über die audiovisuelle Darstellung dystopischer Szenarien in zeitgenössischen Serien aus filmtheoretischer, filmwissenschaftlicher und filmpublizistischer Perspektive diskutiert. Es ging dabei vor allem um serielle Formate, wie sie auf Netflix, Sky und Amazon Prime zu sehen sind. Es wurden Serien wie The Handmaid’s Tale, The Man in the High Castle, Altered Carbon, Black Mirror, Westworld, Dark thematisiert.  

Die Fachtagung Dystopien in Serie bot ein spannendes Programm

Pünktlich um 9.30 Uhr eröffnete Vizepräsident und Film und Fernsehen Professor Dr. Marcus Stiglegger die Fachtagung mit dem Verweis auf die nie dagewesene Aktualität dystopischer Konstrukte in der Gegenwart.

PD Dr. Simon Spiegel (Universität Zürich/Universität Bayreuth) eröffnete daran anschließend die Vortragsreihe mit einer gelungenen Keynote. Unter dem Titel „Und täglich wacht der große Bruder. Zur Geschichte der filmischen Dystopie“ gab er einen Überblick über die Historie filmischer Dystopien, vom Beginn in den 1950er Jahren bis heute. Er ging dabei auf  innerfilmischen Aufbau, Erzählstruktur und audiovisuelle Gestaltung ein und nahm Bezug auf die Utopie, die er als Gegenentwurf der gegenwärtigen Gesellschaft definierte. Dabei stand der Aspekte des Seriellen im Verglich zum klassisch abgeschlossenem Filmformat immer im Fokus.

Das erste Panel eröffnete Prof. Dr. Marcus S. Kleiner (SRH Berlin) mit seinem Vortrag "Die illusorische Gemeinschaft". Er veranschaulichte, dass in den dystopischen Zukunftsszenarien, die in der US-amerikanischen Fernsehserie The Walking Dead dargestellt werden, einerseits die Utopie und die Dystopie ein spannungsreiches Interdependenzgeflecht bilden und andererseits die Dystopie die eigentliche Utopie ist. Auch nahm er Bezug auf seinen Vorredner, Simon Spiegel. In der Dystopie der Serie sei der Kollektivismus entscheidend, nicht der Individualismus. Spiegel betonte in seinem Vortrag hingegen, dass die Dystopie eine individualistische Gattung sei. Die Dystopie in The Walking Dead sei, wie Kleiner herausstellt, das Gegenbild zur gegenwärtigen Gesellschaft. Spiegels konträre Position hierzu lautete, dass die Utopie meist als Gegenbild der gegenwärtigen Gesellschaft, auf der Basis des Bestehenden, funktioniere.

Es folgte der Vortrag von PD Dr. Thomas Klein (Universität Hamburg) „The Handmaid’s Tale und die zyklische Serialität des Dystopischen“. Er thematisierte die Bedeutung zyklisch wiederkehrender Motive für Erzählstruktur und Wirkung der Serie im Vergleich mit dem  Roman von M. Atwood. Nach einem anschaulichen Vergleich der beiden Erzählweisen kam er zu dem Schluss, dass im Seriellen unter Berücksichtigung von Adaptionsstrategien eine Erweiterung der Narration stattfindet. Diese erfordere Strategien der rekursiven Serialität sowie der seriellen Überbietung von Akten misogyner Gewalt, die aus der thematisierten Gesellschaft hervorgeht.

In der Mittagspause hatten Gäste und Vortragende die Möglichkeit, eigene Ideen für die spätere Podiumsdiskussion zu sammeln. Ein Ideenparkplatz gab Rau für ein Brainstorming zur Frage: Welche Zukünfte möchtest du seriell erzählen?

Das zweite Panel wurde unter der Moderation von PD Dr. Thomas Klein (Universität Hamburg) von Dr. Christian Hißnauer (HU Berlin) eröffnet. Sein Vortrag, „Endsieg-Fiktionen: Vergangenheitsentwürfe als kontrafaktische Spielräume einer nationalsozialistischen Zeitgeschichte in The Man in the High Castle und SS-GB“ fragte, was wäre, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte. Er thematisierte die Formen des kontrafaktischen Erzählens als Gegenwartsvisionen, alternative Vergangenheitsentwürfe oder Alternativwelt-Geschichten in ihrer Funktion, tatsächliche Gegenwartsbilder zu stabilisieren. Anhand der beiden Serienbeispiele evaluierte er die Hoffnungslosigkeit dystopischer Serien, in denen alle angebotenen Lösungen nur vermeintlich erfolgreich sein können, um den Spannungsbogen immerwährend aufrechterhalten zu können.

Es folgte PD Dr. Andreas Rauscher (Universität Siegen) mit seinem Vortrag „Transmediale Genre-Rekonfigurationen. Westworld als dystopische Reflexion zwischen Serie und Spielmechanik“. Rauscher ging am Beispiel der Serie Westworld auf Genre-Reflexion und Rekonfigurationen innerhalb dystopischer Serien ein. Er stellte heraus, dass serielle Storyworlds generell analog zu Spielsystemen gestaltet werden können. Westworld vereint dabei sogar unterschiedliche Spielebenen, von der einfachen Standardsituation bis hin zum Mind Game als Metapher.

Lioba Schlössers (DEKRA | Hochschule Berlin/JGU Mainz) Vortrag „Queerness im 24. Jahrhundert: Zur Rolle von sexuality und gender in Altered Carbon“ fand die Veranstaltung eine Hinwendung zur aktuellen Genderdebatte. Sie ging der Frage nach, inwieweit die erzählerischen und darstellerischen Möglichkeiten der Dystopie Raum für alternative Geschlechterkonzepte schaffen können. Schlösser stellte vorhandenes Potenzial heraus, Figurenkonzepte fernab der heteronorm und der bipolaren Geschlechtermatrix zu entwerfen, das jedoch bisher nicht ausgeschöpft wird.

Bei Interesse können die Präsentationen der Vorträge  von Simon Spiegel, Thomas Klein, Christian Hißnauer, Andreas Rauscher und Lioba Schlösser per E-Mail erhalten werden. Dazu genügt eine Mail an Lioba.Schloesser@dekra.com mit der Angabe, welche Präsentation gewünscht ist.

Die Podiumsdiskussion wurde als Podcast aufgezeichnet

Die Podiumsdiskussion zum Abschluss der Veranstaltung griff die Ergebnisse des Ideenparkplatz-Brainstormings der Mittagspause auf. Thomas Klein, Marcus Stiglegger, Kirsten Harder (Skript Akademie Berlin) und Simon Spiegel diskutierten die Ideen der Gäste und brachten eigene Gedanken zum Thema serielles Erzählen von Dystopien ein. Die Diskussion wurde aufgezeichnet und ist hier als Podcast verfügbar:

 

Die DEKRA | Hochschule für Medien bedankt sich an dieser Stelle bei allen Vortragenden, Gästen und Helfer/-innen für die gelungene Veranstaltung. Ein ganz herzliches Dankeschön geht an das Institut für Medien- und Kommunikation der Universität Hamburg für die erfolgreiche Zusammenarbeit.

Hier ein kleiner Einblick in die Veranstaltung:


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