ROLAND-Krimipreis-Verleihung 2019 in Daun: Prof. Stiglegger als Juror

Seit 2017 ist unser Film und Fernseh-Professor Marcus Stiglegger Mitglied der Fachjury des ROLAND-Krimi-Awards, der alle zwei Jahre beim Festival 'Tatort Eifel' in Daun verliehen wird. Zusammen mit Jürgen Hardeck hat er auch diesmal die Laudatio verfasst, die die Preisübergabe an das Team von "Polizeiruf Rostock" einleitete.

Seit 2017 ist Film und Fernseh-Professor Marcus Stiglegger von der DEKRA | Hochschule für Medien Mitglied der Fachjury des ROLAND-Krimi-Awards, der alle zwei Jahre beim Festival 'Tatort Eifel' in Daun verliehen wird. Zusammen mit Jürgen Hardeck hat er auch diesmal die Laudatio verfasst, die die Preisübergabe an das Team von "Polizeiruf Rostock" einleitete.

© Bilder: Tatort Eifel

"Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Seit der letzten ROLAND-Preisverleihung bei „Tatort Eifel“ im Jahr 2017 gab es eine rasante Entwicklung auf dem deutschen Fernsehmarkt. Eine Vielzahl von Streamingportalen und Mediatheken, aber auch die klassischen Sender, bieten zum Teil aufregende und hochqualitative Serien, um die Zuschauer an sich zu binden. Als wir uns zur Jurysitzung trafen, hatten wir viele Filme und fast noch mehr Serien-Folgen gesehen. Selbst wir waren daher überrascht, dass wir uns so rasch und eindeutig für den bereits langlaufenden „Polizeiruf 110“ aus Rostock entscheiden konnten.

Der ROLAND ist ein „Krimipreis für innovatives Filmschaffen“. Der „Polizeiruf“ aus Rostock verbindet nach unserer Ansicht Tradition und Innovation im deutschen Fernsehkrimi auf besonders gelungene Weise. In dem 1971 als Gegenstück zum westdeutschen „Tatort“ in der DDR entstandenen Format tauchte 2010 ein ambivalentes Ermittlerteam auf, dessen Konflikte mit ihrem eigenen Leben und untereinander mindestens ebenso spannend und interessant waren, wie der zu lösende Fall. Die Figuren sind modern und mehrdimensional geführt und die Fälle thematisieren neben sozial relevanten Themen immer auch die noch bestehenden Wunden der deutsch-deutschen Vergangenheit.

Im Zentrum des Rostocker Polizeiruf stehen Kriminalkommissar Alexander „Sascha“ Bukow, gespielt von Charlie Hübner, und Profilerin Katrin König, dargestellt von Anneke Kim Sarnau. In den ersten Folgen stehen beide in einem ambivalenten Verhältnis zueinander, denn Bukow hat sich möglicherweise Verfehlungen geleistet, die in einer internen Ermittlung von seiner Kollegin Katrin König untersucht werden. Aber auch als sich dieser Verdacht aufgelöst hat und es zu einer Annäherung der beiden kommt, treibt sie immer wieder etwas auseinander. Dazu kommt die Unberechenbarkeit beider Einzelgänger, zum Beispiel bei der Verfolgung von Verdächtigen, die durchaus Züge der Selbstjustiz annehmen kann. Es entsteht in jeder Folge eine unglaublich faszinierende Spannung allein schon zwischen diesen beiden Charakteren, die immer wieder in der unmittelbaren Aktion aufgelöst wird.

Privater Druck, berufliche Forderung und kollegiale Auseinandersetzungen halten das Publikum über Folgen hinweg konstant im Geschehen. Dabei ist Alexander Bukow ein effektiver Polizist, hart und meist gerecht, aber oft am Rande des Gesetzes. Er kennt seine Heimatstadt Rostock, und ihre Abgründe ebenso wie die eigenen. Charme und Wut halten sich bei ihm in der prägnanten Darstellung durch Charlie Hübner immer die Waage. Ihm ist scheinbar alles zuzutrauen, wenn er einen zielführenden Weg sieht. Doch zugleich kann er sehr loyal sein, was seiner Kollegin und anderen zu Gute kommt, wenn sie in Schwierigkeiten geraten.

Katrin König ist eine toughe Profilerin, die sich von ihren männlichen Kollegen nicht beeindrucken lässt. Wortgewandt und manchmal hart, können sich ihre Kollegen doch auf sie verlassen. Nur mit festen Beziehungen tut sie sich schwer. Selbstbestimmtheit beschattet auch die Beziehung zwischen Bukow und König zu Beginn – beide sind misstrauisch und müssen sich den gegenseitigen Respekt erst erarbeiten. Ein Rest von Argwohn wird bei ihr immer bleiben und rasch aufflammen, wenn man sie irritiert, und auch das kollegiale und freundschaftliche Verhältnis mit den anderen zugleich mit einer Ambivalenz aufladen, die wiederum die gesamte Reihe prägt. Ihr herzhaftes Lachen, das oftmals in Spott abgleitet, bringt ihren Charakter und ihre Haltung bestens auf den Punkt. Ihr Trauma ist jedoch ein tragisches Kindheitserlebnis: Sie verlor ihre Eltern bei einem Fluchtversuch aus der DDR. Daher ist sie der Stadt Rostock zwiespältig verbunden.

Beide Hauptfiguren sind eingebettet in ein glaubwürdiges Ensemble, das diese besonderen Charaktere trägt und ihnen ermöglicht zu brillieren. Dieses Ensemble besteht aus wahrhaft menschlichen Charakteren, wie dem 1. Kriminalhauptkommissar Henning Röder, gespielt von Uwe Preuss, dem Kriminalhauptkommissar Anton Pöschel, gespielt von Andreas Guenther, und Kriminaloberkommissar Volker Thiesler, gespielt von Josef Heynert. Dann sind da noch Bukows Vater, gespielt von Klaus Manchen und Bukows Frau Vivian, dargestellt von Fanny Staffa.

Das Ermittlerduo und sein kollegiales und familiäres Umfeld wurde über Jahre sorgfältig etabliert und zeichnet sich durch eine vielschichtige und ambivalente Charakterzeichnung aus. Die Filme mit dem Ermittlerpaar Bukow und König und ihren Kollegen haben einen folgenübergreifenden Spannungsbogen, auch wenn in der Regel jeweils in einem Fall pro Folge ermittelt wird. Backstories und Psychologie der Personen werden schrittweise weiterentwickelt und bilden immer wieder spannende Referenzpunkte für neue Folgen, die aufrütteln und ins Herz treffen. Der „Polizeiruf 110 Rostock“ reflektiert zudem die sozialen Milieus und gesellschaftlichen Probleme des spezifischen Umfeldes von Rostock mit den Mitteln des Krimigenres auf eine ungewöhnlich differenzierte Weise. Die Charaktere zeigen Haltung und machen sich dadurch angreifbar - nicht nur im Film, wie der Eklat um die Anti-AFD-Aufkleber zeigt.

Inszenatorisch mögen die Folgen des Polizeirufs Rostock zunächst eher konventionell erscheinen, was das Publikum in der Sicherheit des Vertrauten wiegt, doch immer wieder können solche Momente unerwartet in irritierende Wendungen umschlagen. Dieser originelle Umgang mit Standardsituationen ist von der ersten Folge des Teams auffällig. Als sich die beiden Hauptfiguren erstmals vorgestellt werden, setzt unvermittelt eine Verfolgungsjagd ein – die Standardsituation ‚Kennenlernen‘ wird auf spannende Weise dynamisiert, was der Inszenierung eine unvergleichlich filmische Dimension verleiht. Statt auf Dialoge zu bauen, erleben wir die Protagonisten als Handelnde.

Über 19 Folgen lang wachsen dem Zuschauer die Figuren dieser Reihe ans Herz und ganz besondere Bilder setzen sich im Gedächtnis fest. So kommt es in der herausragenden Folge „Familiensache“, zu einer Szene, in der Andreas Schmitz einen Mann spielt, der seine Frau ersticht, wobei dies nicht als Schockmoment, sondern wie eine romantische Liebesszene inszeniert wird – eine weitere Strategie der kontrapunktischen Unterwanderung von Zuschauererwartungen, die umso effektiver erscheint.

Mit Eoin Moore und Christian von Castelberg zeichnen Regisseure für die konstante Entwicklung der Figuren verantwortlich, ebenso wie die Autoren, darunter auch Eoin Moore selbst, Florian Oeller, Anika Wangard, um nur die anwesenden zu nennen. NDR-Redakteurin Daniela Mussgiller hat die Idee für diesen Polizeiruf aus der Taufe gehoben und mit der Produzentin Iris Kiefer, dem filmpool-Team sowie den Kreativen, die sie an das Format binden konnte, zu einem beständigen Highlight am sonntäglichen Krimiabend gemacht – eigentlich ein Widerspruch in sich. Natürlich sind nicht alle Folgen gleich gut. Aber, wie Matthias Dell in einer Kritik in der ZEIT unsere Meinung nach einmal richtig schrieb: Wenn eine bestimmte Folge einmal „eine ärgerliche Folge ist, dann ist sie das immer noch auf gehobenem Niveau.“

Der Polizeiruf 110 Rostock ist eine Gemeinschaftsleistung von dauerhafter Qualität. Wir wollen daher die Reihe insgesamt und alle, die daran beteiligt sind, auszeichnen. Wir suchen in der Jury ja nach Preisträgern, die dem Genre Kriminalfilm in inhaltlicher oder filmästhetischer Weise wesentliche neue Impulse gegeben haben. Dass man das Rad nicht neu erfinden muss und trotzdem mit einem Krimiformat neue Maßstäbe setzen kann, beweist der Polizeiruf 110 Rostock in nun bereits 19 Folgen. Wir freuen uns auf hoffentlich noch viele weitere auf diesem hohen Niveau!
Herzlichen Glückwunsch!"

Marcus Stiglegger, Jürgen Hardeck


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