Interview mit Prof. Dr. Marcus Stiglegger auf Radio Bremen 2

Als Autor des Buches "Auschwitz TV" wurde Vizepräsident der DEKRA | Hochschule für Medien Prof. Dr. Marcus Stiglegger auf Radio Bremen 2 zur Wiederaufführung der TV-Serie 'Holocaust' interviewt.

Als Autor des Buches "Auschwitz TV" wurde Vizepräsident der DEKRA | Hochschule für Medien Prof. Dr. Marcus Stiglegger auf Radio Bremen 2 zur Wiederaufführung der TV-Serie 'Holocaust' interviewt. Hier: Buchtitel "Auschwitz-TV"

Die amerikanische Fernsehserie „Holocaust“ sahen 1978 100 Millionen Zuschauer in den USA. Erzählt wird in vier Teilen das Schicksal der jüdischen Arztfamilie Weiß im nationalsozialistischen Deutschland. 16 Millionen Zuschauer sahen es ein Jahr später in der Bundesrepublik.

Der im deutschsprachigen Raum bislang eher ungebräuchliche und durchaus nicht unproblematische Begriff des Holocaust als Synonym für den Massenmord an sechs Millionen Juden wurde hierzulande zum Wort des Jahres 1979. Der Filmwissenschaftler Dr. Marcus Stiglegger, der als Vizepräsident und Professor für Film und Fernsehen an der DEKRA | Hochschule für Medien lehrt, sieht darin einen mediengeschichtlichen Einschnitt, der die gesellschaftliche Rolle des Fernsehens veränderte. In seinem Buch „Auschwitz-TV“ schreibt Stiglegger:

Holocaust hinterließ in Deutschland vor allem in der Generation der Töchter und Söhne der Täter einen nachhaltigen, fast könnte man sagen, ersten tiefen Eindruck. Dass dieser Eindruck jedoch auf die Ausstrahlung einer fiktionalen Miniserie zurückging, die den bis dahin üblichen Duktus distanzierter Sachlichkeit schlichtweg mit Absicht unterlief, muss als ein wichtiger Hinweis auf den tief greifenden Wandel im gesellschaftlichen und medialen Umgang mit der Geschichte des Völkermords des Dritten Reiches verstanden werden. Von nun an hatte die unter den Nationalsozialisten verübte Massenvernichtung einen Namen, den jeder kannte. Zugleich wurde der Ausdruck des nüchternen Dokumentierens um das wirksame Inszenieren von Bildern in publikumswirksamen Spannungsdramaturgien erweitert.

Für die stilprägende Bilderwelt der Holocaust-Serie gab es zunächst filmische Vorgänger. So entwickelte sich eine „audiovisuelle Holocaust-Ikonografie“, die Marvin J. Chomsky, der Regisseur der Fernsehserie „Holocaust“, aufgreift und weitertreibt.

Die Kraft dieser Bildinszenierungen wirkt bis heute. Ihr ikonischer Charakter überlagert die historischen Ereignisse „Nicht nur überschreiten Serien wie Holocaust das mit dem Lagergeschehen verbundene Abbildungstabu, sie überschreiten es gar doppelt, indem sie die dokumentarischen Bilder neu beschwören und in einem serialisierten Medienbild den Spätgeborenen zur Verfügung stellen.

Obwohl der gegenwärtige Holocaust-Diskurs ohne diese medialen Simulakren heute kaum denkbar wäre, ist ein geschärftes Bewusstsein für deren Simulationscharakter unabdingbar. In seiner Schlussfolgerung geht Baudrillard noch weiter und sieht in der Herstellung solcher Trugbilder des Vergangenen eine Tendenz der Enthistorisierung, die aus Geschichte Mythos werden lasse.“

 Das Buch „Auschwitz-TV“ von Marcus Stiglegger ist eine medientheoretische und zugleich um Allgemeinverständlichkeit bemühte aufschlussreiche Untersuchung der Fernsehserienproduktionen über den Holocaust. "Der Autor kann in sehr lesenswerter Weise den Umgang mit dem Holocaust in Fernsehserien nachzeichnen – sowohl in historischer als auch in aktueller Perspektive." (TV Diskurs)

Marcus Stiglegger „Auschwitz-TV. Reflexionen des Holocaust in Fernsehserien“ bei Springer VS, 112 Seiten, https://www.springer.com/de/book/9783658058760


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