Wie verändert Corona die Lehre? Dr. Marcus Stiglegger im Interview

Dr. Marcus Stiglegger, Professor im Studiengang Film und Fernsehen, im Interview mit MADSACK Media Store zu der Frage wie Corona die universitäre Lehre verändert – und welche Chancen daraus entstehen.

Dr. Marcus Stiglegger, Professor im Studiengang Film und Fernsehen, im Interview mit MADSACK Media Store zu der Frage wie Corona die universitäre Lehre verändert – und welche Chancen daraus entstehen.

© Photo Sebastian Kiener, Berlin

Gekürztes Interview mit Niklas Meier
Das vollständige Interview unter MADSACK Media Store

Marcus, danke dass du dir die Zeit für uns nimmst. Du bist Vizepräsident der DEKRA | Hochschule für Medien, daneben hast du verschiedene Lehraufträge im Bereich Filmwissenschaft, bist als Musiker unterwegs und schreibst eine Kolumne für meine Lieblingszeitschrift, die „Deadline“. Wie bist du zu all dem gekommen, und vor allem: Wie bekommst du das alles unter einen Hut?

Um das zu beantworten, muss ich etwas in die Vergangenheit gehen: bevor ich studierte, um 1990, arbeitete ich als Kameraassistent und DJ. Ich hatte also vor meinem Studium einen intensiven Einblick in die Filmpraxis, sowie in das Musik- und Bookinggeschäft. Film und Musik standen damals im Fokus. In dieser Zeit drehte ich auch Musikvideos für heute bekannte Musiker/-innen wie Sopor Aeternus. 1992 begann ich, an der Universität Mainz Ethnologie, Theaterwissenschaft und Philosophie zu studieren, später wechselte ich zu Filmwissenschaft, ein Fach, das dort erst ca. 1994 eingeführt wurde. Hochschullehrer wie Erika Fischer-Lichte beeinflussten mein Denken damals und weckten mein Interesse an der geisteswissenschaftlichen Arbeit. So promovierte ich 1999 in Filmwissenschaft zum Thema Geschichte, Film und Mythos und entwickelte danach die Seduktionstheorie des Films im Rahmen meines Habilitationsprojekts (2005). Ich vertrete eine Ansatz der hermeneutischen Filmwissenschaft mit kulturwissenschaftlichem Hintergrund. (...)

Meine Idee von Wissenschaft ist nicht nur auf den akademischen Zirkel fixiert, sondern strebt auch die Vermittlung von Wissen an die interessierte Öffentlichkeit an, deshalb publiziere ich gerne und bemühe mich um eine maximale Klarheit meiner Gedanken und Thesen. Neben rein akademischen Veröffentlichungen, wie dem umfassenden „Handbuch Filmgenre“ (Springer VS 2020) oder meinen Qualifikationsschriften, stehen daher auch immer wieder filmwissenschaftliche Essays, die einen interdisziplinären Ansatz pflegen (u. a. in der Grenz-Trilogie, Martin Schmitz Verlag).(...)

Die regelmäßige Kolumne „Im Abseits“ in dem Genremagazin „Deadline“ gibt mir optimale Freiheit – ich rezensiere dort aktuelle Fachbücher, obskure Filmveröffentlichungen und schreibe über meine Aktivitäten. Die Kolumne hat mich weit über akademische Kreise bekannt gemacht und zu zahlreichen Aufträgen geführt, an Interviews, Filmveröffentlichungen, Ausstellungen oder interdisziplinären Konferenzen teilzunehmen.

Insgesamt lassen sich all meine Aktivitäten aber sehr gut kombinieren, denn sie ergänzen sich gegenseitig, und ich kann sehr viele Erfahrungen glaubwürdig an meine Studierenden vermitteln.


2. Deine Lehrtätigkeit hat dich schon an zahlreiche Hochschulen geführt. Insbesondere unseren staatlichen Unis haftet ja des Öfteren ein gewisser Hauch des Altmodischen, des Verstaubten an. Die Corona-Pandemie hat den Lehrbetrieb ganz schön durcheinander gewirbelt, digitale Lösungen mussten her. Vielleicht kann man das Ganze eine „Zwangsdigitalisierung“ der universitären Lehre nennen. Wie hast du das erlebt? Ich gehe davon aus, dass ihr in Berlin als Hochschule für Medien da besser gerüstet wart als andere. Wie sah und sieht die Situation in Berlin und an anderen Unis, an denen du tätig bist, aus?

Ich habe seit der Corona-Krise an zwei verschiedenen Hochschulen gelehrt, Berlin und Ludwigsburg. In Berlin wurden wir von der Krise mitten im Semester hart erwischt, da wir Blockseminare haben – ich musste buchstäblich von heute auf morgen von Präsenz auf Online umstellen, wobei mir zunächst Skype half. Ich nahm auch kleine Videos auf, die ich meinen Studierenden schickte, lud Texte hoch und teilte Links mit Filmclips, die ich zunächst online fand. Aus dieser Hauruck-Erfahrung zog ich erste Schlüsse für die folgende Planung. Das nächste Seminar (wieder 5 Tage am Stück, jeden Tag von 9 bis 14 Uhr), konzipierte ich dann analog zu meiner Präsenzlehre vor allem live – ich verteilte vorher Text- und Videolisten, die wir dann gemeinsam online diskutierten, was erstaunlich gut funktionierte. Dazu standen GoToMeeting, Zoom und Skype zur Verfügung. Technische Pannen waren zum Glück selten und die Beteiligung und Resonanz gut. Da ich freiwillig aus dem Homeoffice arbeitete, war die technische Ausstattung meine Privatsache – da kam es mir absolut entgegen, dass ich durch die Musik über Mikros und ein volles Heimstudio verfüge, das umgehend einsetzbar war. Andererseits stimmt es: in Berlin wäre erfahrener technischer Support vor Ort an der Hochschule gewesen. (...)


4. Ich persönlich stehe einer zunehmenden Digitalisierung in der universitären Lehre schon aufgrund der berufspraktischen Relevanz des Digitalen positiv gegenüber, glaube aber, dass wir uns nicht dauerhaft von zumindest einigen Präsenzveranstaltungen lösen sollten – zur Lehre gehört meiner Meinung nach auch immer eine soziale Komponente, ein Miteinander vor Ort. Eine Lösung könnte künftig Blended Learning sein, also die wirksame Kombination von Online- und Präsenzphasen. Wie stehst du dazu?

Blended Learning ist ein aktuelles Forschungsprojekt an unserer Hochschule, und natürlich wird das im Medienbereich aktiv vorangetrieben. Ich stehe dem interessiert, aber neutral gegenüber – wenn es sich machen lässt, kann man freie Ressourcen möglicherweise effektiver bündeln und einsetzen. Aber gerade in einem auf Kreativität bauenden Studiengang ist die persönliche Interaktion essenziell. Unser Studiengang Schauspiel und Inszenierung kann online wenig machen – außer vielleicht meine Vorlesung zur Filmgeschichte.

Wo ich mit Blended Learning sehr gute Erfahrungen mache, ist bei der Erstellung von audiovisuellen Essays zu filmanalytischen Fragestellungen. Auf diese Weise entstehen mitunter studentische Videoessays, die sich gut zur späteren Wissensvermittlung und –diskussion einsetzen lassen.


5. Abschließend interessiert mich eine Prognose deinerseits. Wir haben über die Chancen einer Digitalisierung der universitären Lehre gesprochen. Mal fünf Jahre in die Zukunft geschaut: Wie sieht der Lehrbetrieb an unseren Hochschulen aus?

Ich denke, gerade das Konzept des Blended Learning wird in Zukunft eine große Rolle spielen, denn es kommt dem Leben und den Bedürfnissen der Studierenden heute besser entgegen. Allerdings bleibt dann ein Teil der Campus- und Universitätskultur auf der Strecke. Für mich waren die Vorlesungen und Seminare nur ein Teil dieser Zeit, genauso wichtig waren Gespräche in der Cafeteria, abendliche Vorträge, Filmabende und Sichttermine, und der nahtlose Übergang von Seminar zu Abendgestaltung.

Ein geisteswissenschaftliches Studium besteht auch aus endlosen Diskussionen, die sind aber vor allem live möglich und prägen soziale Kompetenz und schaffen Inspiration. Das Studium muss ein komplexes Netzwerk von Aktivitäten und Eindrücken bleiben, von Theorie und Praxis, sonst kommen am Ende akademische Pflanzen heraus, die außerhalb des Schutzraums Universität nicht existieren können. Und viele dieser Kompetenzen bedürfen einer direkten Auseinandersetzung, nicht der reduzierten Onlineexistenz oder der Blasenwelt von Fachkonferenzen und peer-reviewten Zeitschriften.

Ich denke also, es wird einen größeren Aspekt der Onlinelehre in Zukunft geben, aber speziell im Bereich Film als Studienfach wird man um einen intensiven Präsenzanteil nicht herumkommen. Die modischen Thesen von der ‚post cinematic era’ lassen sich sicher leicht an den Streaming-Gewohnheiten angesichts des Lockdowns verfestigen, doch wer über Filme von Tarkowskij, Antonioni, Villeneuve oder Bigelow schreibt, ohne sie je auf der großen Leinwand erlebt zu haben, weiß nicht, worum es geht. Der performative Aspekt dieser Kunst entfaltet sich in der autoritären Größe, nicht im reduziert und individualisierten Konsum. Für das Studium der Filmkunst sind mehr Kinos wichtig, weniger die Digitalisierung des Studiums. Aber genau das ist angesichts eines durch den Lockdown beschleunigten Kinosterbens fast schon anachronistisch zu sagen. Die Filmkultur zu retten und für die Zukunft zu sichern ist Teil einer Kulturarbeit, die auch Forschung und Lehre der Filmwissenschaft unmittelbar angeht.


zurück zur Übersicht